2007-10-03

Eine halbe Stunde Horror pur

Ja, was ich euch noch gar nich verraten habe, was vor allem daran liegt, dass ich noch gar keine Zeit dazu hatte: Der Beliar hat jetzt übrigens seinen Führerschein! Am zweiten Oktober hatte er seine praktische Prüfung und wider Erwarten hat er es überhaupt nicht verkacktbockt. Ja, das heißt, ich habe gestern keine 155,73 Euro in den Sand gesetzt, sondern ultimativ investiert. Ich möchte an dieser Stelle mein Telefonat mit Marcel anbringen, welches das Ganze gut und knapp zusammenfasst. Ich muss zugeben, ich war ein bisschen gemein. Hihi:
Micha: Hast du an mich gedacht?
Marcel: Ja.
Micha: Davon hab ich aber nich viel gemerkt.
Marcel: Wieso?
Micha: Weil ich gefahren bin wie inner vierten Fahrstunde!
Marcel (ein bisschen schockiert): Und was heißt das jetzt?
Micha: Na ja… Ich hatte nen netten Prüfer von daher – Ich hab meinen Führerschein!
Und das stimmt so. Ich habe wirklich einige Sachen gemacht, die man als guter Fahrer nicht machen sollte und bei einem anderen Prüfer wäre ich nicht durchgekommen. Die Clara hatte mir vorher ja schon gesagt, dass sie mir den Herrn F. als Prüfer wünscht, der ließe jeden durch außer die Swantje. Warum auch immer. Und glücklicherweise hatte ich dann auch den Herrn F. als Prüfer. Beim "Einfahren" vor der Prüfung stand ein Fahrschulauto an einer Kreuzung, aus dem gerade der Chef der Fahrschule ausgestiegen ist. Da meinte mein Fahrlehrer dann: "Da ist wohl eine Prüfung vorzeitig beendet worden." Auf dem Weg zur Dekra haben wir dann noch darüber gesprochen, was das denn für Folgen hat, wenn die Prüfung vorzeitig beendet ist und ob man dann nicht noch zumindest bis zur Dekra selber fahren kann und so weiter. Und als wir gerade auf das Gelände der Dekra fuhren, meinte mein Fahrlehrer dann: "Das bedeutet natürlich für dich, dass deine Prüfung etwas früher beginnt." Ich hab erst mal geschluckt und ein gequältes "Schön" von mir gegeben. Hui, beim Einfahren hab ich es sogar geschafft, irgendwas Doofes zu machen, sodass mein Fahrlehrer mich bremsen und ins Lenkrad greifen musste. Kommen wir doch aber zum Prüfungsgeschehen:

Nachdem der Prüfer ins Auto eingestiegen ist, sich vorgestellt, sein Geld in Empfang und meinen Personalausweis in Augenschein genommen hat, versuchte ich mal ein bisschen locker zu werden und Konversation zu betreiben:
Micha: Wie lang dauert so eine Prüfung eigentlich noch mal?
Herr F.: Es gibt Prüfungen, die sind schon nach fünf Minuten zu Ende…
Micha: <verhaltenlach>
Herr F.: Ich hatte auch schon mal ne Prüfung, die ging über zwei Stunden…
Micha: Hmmm? Wie das denn?
Herr F.: Da sind wir Autobahn gefahren und steckten im Stau.
Micha: <zurkenntnisnehm> Und was is so der Regelfall?
Herr F.: Noahr, fünfundvierzig Minuten.
Micha: Aha.
Und dann wollte der Mann doch tatsächlich schon loslegen. Mein Fahrlehrer saß noch nicht im Auto, kam gerade erst mal aus dem Gebäude der Dekra raus, da baute der Herr F. wie beiläufig ins Gespräch ein: "Denn machen Sie doch bitte mal den Heckscheibenwischer an."
Ich sags euch: Ich hab echt mit jeder Scheiße gerechnet! Ich habe mir gemerkt, was die Daten zur Bereifung im Fahrzeugbrief bedeuten und habe in der Einfahrstunde meinem Fahrlehrer noch mal schön gesagt, wie man die Betriebsbremse überprüft… Und der Typ wollte von mir sehen, wie ich den Scheibenwischer hinten anmache!!! Ich war echt überrumpelt. Ich hab dann erst mal einen auf total überfordert gemacht und mittlerweile saß auch mein Fahrlehrer schon mit drin und hat mich gefragt, was los sei, als er sah, wie ich etwas planlos am rechten Hebel da rumfummelte und guckte. Vorher die Zwischenfrage des Prüfers: "Die Aufgabe haben Sie verstanden, ja?" Nervöses "Hmmm" als Bestätigung von mir. Mein Fahrlehrer meinte auf meinen verpeilten Hinweis "Heckscheibenwischer anmachen" erst mal verteidigend: "Wasn los? Den haste doch grad eben erst angemacht." Ich: "Ja, ich weiß!" – Hände vors Gesicht schlagen. Der Prüfer unterbricht meine Schauspielkünste in seiner irgendwie trägen Art: "Na gut, können wir ja auch nachher noch gucken, wo der angeht; fahren wir erst mal los!" Daraufhin legte ich erst mal meine Hände flach auf meine Oberschenkel und atmete ruhig: "Uiuiuiuiui." Ein Satz, den ich an diesem Tag noch häufiger sagen sollte. Bevor mir irgendwer Druck machen konnte, habe ich mal in den Raum gefragt, ob denn auch alle angeschnallt seien – man weiß ja schließlich nie, wie die Prüfer drauf sind; es ist ja Pflicht des Fahrzeugführers, sicherzustellen, dass alle im Fahrzeug befindlichen Personen die Rückhaltevorrichtungen Gurte angelegt haben. Und dann bin ich losgekrochen. War ja schließlich Parkplatz. Gewissermaßen in letzter Sekunde habe ich noch das Abblendlicht angemacht und bin dann nach den Anweisungen des Prüfers gefahren. Im Grunde genommen habe ich jeden Augenblick damit gerechnet, dass ich irgendwas falsch mache – zu schnell fahre, meinen Fahrstreifen verlasse, auf den Bordstein fahre, den Sicherungsblick vergesse, irgendwelche gelben Ampeln nehme, obwohl ich noch hätte bremsen können… Der Möglichkeiten hätte es viele gegeben!!!

In einer kleinen Straße mit unwahrscheinlich dämlichen Straßenbelag habe ich dann das zweifelhafte Vergnügen gehabt, rückwärts längs (also im Straßenverlauf) einparken zu dürfen. Ich bin nicht am Auto vorbeigefahren, der Abstand zum Auto war gut, die Mitte des großen hinteren Fensters habe ich mit dem Ende des Autos getroffen, hinter das ich einparken sollte, ich habe fleißig abgesichert, dass auch ja niemand von mir behindert wird, bin fein reingefahren, hab auf die fünfundvierzig Grad zum Bordstein gewartet, habe gerade gelenkt und dann kam diese eklatante Sache mit dem Türgriff, der den Bordstein berühren sollte. Wer das nicht weiß: Bei mir hat der Türgriff nur in einer einzigen Fahrstunde den Bordstein zum richtigen Zeitpunkt berührt. Und da hatte mein Fahrlehrer den extra für mich noch mal umgestellt. Und dann muss ich ja voll einlenken. Ich hab das so irgendwie nach grober Schätzung gemacht. Was dann auch zur Folge hatte, dass ich mindestens einen halben Meter (richtig wären 30 Zentimeter) vom Bordstein weg stand. Leerlauf. Handbremse. Prüfer: "Und so würden Sie jetzt stehen bleiben?" Natürlich nicht! Das würde sogar Balu sehen, dass ich schon fast auf der Fahrbahn geparkt habe! Und dann hat der Trottel Michael noch in dieser Parklücke versucht, zu korrigieren (hinter mir hatte ich ja auch noch ein Auto). Ui, so was Dummes kann einem doch gar nicht einfallen! Na ja. Ich habs trotzdem probiert bis mein Fahrlehrer mich fragte, warum ich nicht einfach wieder rausfahre und es noch mal versuche. Tolle Idee. Ich fahre also wieder raus und da meinte der Prüfer dann auch schon: "Fahren wir erst mal weiter." Etwas überrascht, aber schon ziemlich froh bin ich dann weitergefahren.
Später sollte ich dann auf einem Parkplatz einparken. Diesmal allerdings quer. Und alles super. Ohne Scheiß: Michael fährt langsam da rum, hat anderthalb Meter Abstand zu den Autos, fährt so, dass er im Grunde genommen sofort einlenken muss, haut sich in die Parklücke rein, lenkt rechtzeitig wieder gerade, guckt immer fein nach hinten und in den rechten Außenspiegel, fährt weit genug in die Parklücke rein. Leerlauf. Handbremse. Prüfer macht sich auf der Rückbank eine Notiz in seinen Unterlagen. "Gut, dann verlassen wir den Parkplatz wieder." Zeit schinden! schreit es in meinem Gehirn und statt dass ich links aus der Parklücke rausfahre und dann wieder links fahre (wo ich ja erst hergekommen bin), fahre ich rechts aus der Parklücke raus und kriege dafür einen leicht überraschten Blick von meinem Fahrlehrer geschenkt: "Man kanns natürlich auch kompliziert machen, wenns auch einfach geht." Ich: "Jopp." Und dann habe ich halt eine Runde über den Parkplatz gedreht, was zeitmäßig kaum richtig ins Gewicht fiel, weil der Parkplatz nämlich nicht mal ansatzweise groß war.
Zurück im Straßenverkehr ging es dann darum, irgendwie eine Brücke hochzufahren und auf 70 zu beschleunigen. Fast oben hab ich es dann geschafft – warum auch immer – mit dem Gas einfach mal ins Leere zu treten (heißt: ich hatte die Kupplung noch (zumindest ein bisschen) getreten). Ich verzog das Gesicht, ahnte schon das Ende der Prüfung, entspannte mich allerdings wieder ein bisschen, als es auf der Rückbank ruhig blieb.
Während ich dies schreibe, fällt mir ein, dass es gut sein könnte, dass diese Angelegenheit mit dem Ins-Leere-Treten wohl direkt vor dem Parkplatz kam und nicht danach.

Und dann war da noch die Kurve, wo ich (schon wieder!) fast einen Fahrstreifenwechsel gemacht hätte – der Tod, wenn es um Prüfungen geht! Ich habs aber noch so ungefähr gemerkt. Aber trotzdem war ich zeitweise auf zwei Fahrstreifen drauf. Na ja. Es blieb wieder still auf der Rückbank.

Irgendwann hatte ich mal auf die Uhr geschaut und festgestellt, dass es erst 9.14 Uhr war. Ich wär fast gestorben beim Gedanken daran, dass ich noch eine halbe Stunde ausharren müsste.

Blahblah. Dann ging es irgendwann daran, wieder die Dekra anzusteuern, eine dreiviertel Stunde war noch nicht rum und ich dachte mir, der Prüfer wollte es spannend machen oder sich selbst schützen, frei nach dem Motto: Jetzt nur nicht den Jungen während der Fahrt verunsichern, am Ende macht er noch richtige Scheiße, sagen wir es ihm erst, wenn wir wieder bei der Dekra sind! Und dann bin ich da hinten wo hingeparkt und war verwirrt von den Parkanweisungen und dann sollt ich noch mal den Heckscheibenwischer vorführen und an einer Ampel, bei der das Beobachten des potenziellen Gegenverkehres sehr wichtig ist, wenn man nicht als Erster da steht (was bei mir der Fall war) (ich hab übrigens alles richtig gemacht), hatte ich Überlegungen angestellt, man könnte ja den Hebel da auch reindrücken… Ob ich es wohl hinkriege, das mal zu machen und es ganz zufällig aussehen zu lassen? Finger nach dem Hebel ausstrecken. Ist ja doch ganz schön weit weg. Da muss man sich schon fast so blöd anstellen wie ich, um den versehentlich zu betätigen. Also hab ich das dann gelassen. Und nach dem Hinweis meines Fahrlehrers "Dann spiel doch da maln bisschen rum!" hab ich dat Dingen da rinjedrückt und fertig war.

Eine halbe Stunde Horror pur. Der Prüfer saß hinten, hat irgendwas geschrieben, ich habe eine Unterschrift geben müssen, wusste nicht so recht, was jetzt war. Zögerliche-unsicheres Nachfragen: "Wars das jetzt?" Antwort meines Fahrlehrers: "Nüh klar." Ich war total verwirrt. Eine halbe Stunde Horror pur und dann hielt ich dieses kleine Kärtchen in der Hand, das ich vor Prüfungsbeginn schon in den Unterlagen des Prüfers gesehen habe: Mein Führerschein. Ich konnte es gar nicht so richtig fassen. Dann war irgendwie der Prüfer weg, ich sollte auf den Beifahrersitz, wurde zu meinem gewünschten Ziel von meinem Fahrlehrer gefahren und konnte es immer noch nicht fassen. Aber ich hatte dieses kleine Ding in der Hand und da stand auch eindeutig "02.10.07" drauf. Ich habe es überstanden. Uiuiuiuiui. In der Einschätzung des Prüfers – von der ich kaum mehr was weiß – gabs dann gute Kritik. Es hieß, ich fahre ein bisschen verträumt und über mein Lenkverhalten – oh Wunder! – hat er auch etwas gesagt.

Zugegebenermaßen liegen bei so was ja Vergleiche immer nahe. Ich möchte diese Prüfung mal mit meinem Abitur-Kram vergleichen.
Zum Thema aufregung: Man kann für ein oder zwei Fächer im Abitur nichts gelernt haben, sich vor der Prüfung denken "Ach, das wird schon irgendwie…" und trotzdem 13 und 14 Punkte schreiben. Auch das mündliche Abitur kann man einfach so unbeschwert machen. Aber diese olle Fahrprüfung… Man hat alles erst beigebracht bekommen, musste sich nur an diese ollen und starren Abläufe erinnern und nach ihnen handeln und alles is super. Aber eine scheiß Angst hatte ich. Vorm Abitur war ich nervös. Vor der Fahrprüfung hatte ich schon ziemlich große Angst. Vermutlich auch des finanziellen Verlustes wegen. Aber dennoch…
Und dahingegen zum Thema Freude: Man kann mit ungewissen aber alles in allem recht positiven Gefühlen den Ergebnissen seiner schriftlichen Abiturprüfungen entgegensehen, aber nur etwas Angst haben, in Mathe nicht in die Nachprüfung zu müssen, denkt sich aber dennoch: Die zwei Punkte werde ich doch wohl geschafft haben! Dann hält man diesen Zettel in der Hand, freut sich erst mal wie bescheuert über die 14 Punkte in Deutsch, wie blöde über die 13 Punkte in Englisch und erleichtert über die 11 Punkte in Bio. Sieht dann auf Mathe, stellt fest, dass man 2 Punkte geschafft hat, vergewissert sich noch mal und sieht, dass auf dem Zettel nicht von Ergänzungsprüfungen steht, und freut sich wie bescheuert darüber, dass man bei nächster Gelegenheit zu seinem Freund fahren kann, was des Lernens wegen nicht möglich gewesen wäre, wenn man in eine Nachprüfung gemusst hätte. Freude und Erleichterung. Und nach der Fahrprüfung? Ich war ja quasi völlig weggetreten. Geistige Absenz. Freude? Ein bisschen. Endlich eine dauerhafte Belastung des Kontos ausgemerzt. Und sonst? Stolz. Ja. Aber nur ein bisschen. Aus einem Grund, den ich im Gespräch mit meiner lieben Schwester einmal schön in ein anderes Licht gestellt habe:
Sie: Du wirst dann derjenige in unserer Familie sein, der die meisten Fahrstunden gebraucht hat.
Ich: Joar, mag sein. Dafür werde ich derjenige in unserer Familie sein, der als Führerschein-Neuling die meiste Fahrerfahrung hat.

Kommentare:

unwanted nice guy hat gesagt…

Boar... Kacke. Ich muss noch mal Perso beantragen... Herzlichen Glückwunsch Michael! Das klingt sehr aufregend alles. Und deine Reaktion, im letzten Satz, das mit der meisten Fahrerfahrung, ja, das klingt sehr weise.
p.

sie hat gesagt…

Und trotz der Weisheit habe ich noch kein gutes Gefühl dabei, mein Auto diesem Fahranfänger anzuvertrauen. *seufz* Aber ich werd's wohl müssen - wo sollst Du sonst "richtig" fahren lernen?

Nochmal: herzlichen Glückwunsch!

Michael Töpfer hat gesagt…

Trotzdem Glückwunsch. Es gibt sogar Leute, die zwar einen PhD von Harvard haben, aber bis heute keinen Führerschein. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Hihi.